Rafael Springer ist 53 Jahre alt und arbeitet seit seiner Jugend als Künstler. Er ist eine Art „ allround-man“, – Schriftsteller wollte er mal werden, entschied sich dann jedoch für die Malerei und Skulptur. Seit 2001 befindet sich sein Künstleratelier in der „Schleifmillen“, wo er derzeit mit 15 anderen Protagonisten der einheimischen Szene werkelt und malt, philosophiert und schreibt.
Bei herrlichem Herbstwetter treffen wir uns in seinem gemütlichen Atelier. Neueste Werke baumeln an der Decke des Arbeitsraumes: Eine Christusfigur am Kreuz, grüner Lendenschurz, daneben kniend eine nackte Frau. Bunt die Farben der Darstellung, ungewöhnlich das Motiv. Die Christusfigur wirkt irgendwie tanzend, nicht leidend, das Gesicht nicht schmerzverzehrt. Denke an Monty Phythons-Christusskript und den Schlusssong: „Always look on the bright side of life…“
„Abklatsche“: Monoprints an Bushäuschenund Litfaßsäulen
Rafael Springer hat in den letzten Jahren öfters auf sich und sein ungewöhnliches Schaffen aufmerksam gemacht. „Abklatsche“ lautete der Titel eine Serie von farbenprächtigen Drucken, die der Künstler an Bushäuschen oder Litfaßsäulen in der Hauptstadt anbringen ließ. Diese Drucke wurden dieses Jahr ein zweites Mal in der Tufa in Trier gezeigt und fanden begeisterten Anklang beim jungen Publikum.
Rafael Springer ist kein Gegner klassischer und guter Kunstwerbung. Nein, er liebt diese Werbung und schwärmt von schönen Männern und Frauen, die in ihr fotografisch dargestellt werden. Über Internet bestelle er sich riesige Werbeplakate von zum Beispiel Dior, Dolce und Gabbana, Emporio Armani, Chloe,… bemale sie dann mit Farben und stelle dann Drucke dieser bemalten Werbeplakate her.
Eine Aktion, die neuartig ist, hierzulande, und den Rahmen des Gesehenen sprengt.
Er wolle etwas bewegen in diesem Land, wo so oft „gejammert“ wird, Rafaels lakonische Aussage zu diesem Projekt. Kunstherstellung sei eine Art „Spiel“ für ihn, er gebe den Frauen und Männern der Werbungsplakate eine Art „Eternité“ durch sein Übermalen und Bearbeiten des Vergänglichen.
Skulpturen stelle er auch gerne her. Waren es früher meterhohe Eisenskulpturen, die in aufwendiger Arbeit mit dem Bunsenbrenner angefertigt wurden und sehr ausdrucksstark waren, so lud er kürzlich eine ältere Skulptur, die auf dem Gelände der „ Schleifmillen“ am „Verrotten“ war, auf seinen Wagenanhänger und brachte sie zum „Hotel Rix“ in der Hauptstadt, wo die „Gonflee“ nun den Boulevard Royal schmückt.
Heute müssten Künstler sich schon was einfallen lassen, um beachtet zu werden. Nicht abwarten, „jammern“, sondern „Action“, vom Künstler ausgehend, fordert der junge Hengst.
Eine Galerie habe er nicht, früher habe er bei Alex Reding seine Werke gezeigt, heute manage er seine eigenen Kunstdrucke. Eine weltanschauliche Aussage, bei der Herstellung seines Werkes, sei ihm nicht so wichtig. Er arbeite „intuitiv“, immer mit dem Material, was ihm gerade unter die Finger komme.
„Durststrecken“ habe er schon einige in seinem Künstlerleben aushalten müssen, aber wenn kein Geld mehr für Farbtuben oder Toiles vorhanden war, habe er zu anderen Mitteln gegriffen. So werden auch schon mal alte Geografie-Bücher auseinandergeschnippelt oder Pornohefte, Landkarten oder triviale Reklamen aus dem Briefkasten…. Aus diesem „Abfall“ wird dann Kunst produziert, Kollagen, die dann wieder mit Farbe oder Holzschnittdrucken „überdruckt“ werden.
Einsamer Cowboy, Lebenskünstleroder moderner Painter?
Während unseres Gesprächs raucht Rafael, entschuldigt sich jedoch für sein Rauchen. Er trägt Wassersandalen und ein buntes Shirt. Dem Gast bietet er Kaffee an, ohne jedoch Kaffee mitzutrinken. Nervös, ein wenig dünn-häutig, wirkt Rafael Springer und doch freundlich, kommunikativ.
Er spiele gerne mit den Farben. Andy Warhol gefiel ihm als Künstler. Er erhob die Tomatensuppendose genauso zum Kunstobjekt wie die Monroe oder Mao.
Rafael Springers Vater ist Musiker, ein international anerkannter Dirigent, die Mutter arbeitete als erste luxemburgische Tontechnikerin bei RTL-Radio Luxemburg. Rafael Springer ist selbst Vater von drei Kindern. Obschon freiberuflich als Künstlertätig, komme er als Künstler überdie Runden.
Beobachtet man ihn beim Arbeiten, so fällt auf, wie liebevoll seine Hände über Werbeplakate streichen. Er hat in seiner Jugend als Modell gearbeitet, deshalb der Bezug, der ihm zu „guter Werbung“ geblieben ist, dann war er „comptable“ bei der damaligen ARBED, dann auch schon mal Rausschmeißer in einer Bar oder Fernfahrer einer internationalen Autovermietungsfirma. Rafael Springer ist ein unorthodoxer Künstler, eine Art Stehaufmännchen, immer in Bewegung, auf Achse. Keine Studien an einer Kunstakademie, nur Flair oder Instinkt für Zeitgeist und das Ungewöhnliche, das in der Luft liegt. In seiner Freizeit spiele er Hockey.
„Aufgabe des Künstlers ist nicht wie ein Bettler im Atelier zu warten…Mit seinem Kunstwerk muss der Künstler versuchen unter die Menschen zu gehen, auf die Bühne. Rix oder Marx, – Hauptsache das Kunstwerk kommt an die Öffentlichkeit und wird geschaut…“
Hinterfragt man ein zweites Mal den Titel seiner City Light-Poster „Abklatsche“ so wird klar, dass es dem Künstler doch um eine Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft geht, eine Welt, die ihn teils zu faszinieren scheint, die er dennoch „entzaubert“, indem er sie individuell transformiert, auf seine grelle, ureigene Art. Es ist das ungewöhnliche Zusammenspiel der grellen Farben, die die Dynamik der Poster ausmacht. Nicht alle gefallen, aber viele sind absolut Spitze und werden auch von Kunstliebhabern auf Anhieb gekauft. Es sind passionierte, leidenschaftliche Menschen, die seine Drucke kaufen.
Persönlich glaube ich, dass Rafael Springer sehr talentiert ist und dass seine spontane und nicht zerebrale Art, die Wirklichkeit zu hinterfragen, den Kunstbetrachter beträchtlich herausfordert, manchmal nervt, dann wieder total in den Bann zieht.
Sein Werk entstehe in Phasen, die teils sehr minimalistisch waren (Kollagen-Phase zum Beispiel 2009 bei der Dexia-Ausstellung „Le vide dans le cercle de la corde a sauter“ ), jetzt aber tauche der Mensch wieder in seinen Werken auf. Viele nackte Körper, – die zeitlose Schönheit weiblicher oder männlicher Kurven – Augen, Körperstellungen, jede Pose wird verfremdet, neu grell angemalt.
Rafael Springers Werk ist in einer Phase angekommen, wo man Lust hat, sich mit diesem Multitalent auseinander zu setzen.
Möchte auch mal in Ruhe Rafael Springers Bücher lesen, die teils im Selbstverlag erschienen sind (kaum beachtet oder rezensiert?), ein Buch im phi-Verlag. Die Titel dieser Bücher sind ungewöhnlich: so zum Beispiel: „Die Wurst. Das Ende. Der Welt“ (2007) „Eine Zeitnahme, den „Störenfrieden, Heimkehrern und Terminatoren“ gewidmet.
Wage zu glauben, dass Rafael Springer uns als Künstler noch sehr überraschen wird… (als Vergleich möchte ich die Majerus-Retrospektive im MUDAM zitieren…) Ob er im Ausland nicht weit bessere Chancen hätte als hierzulande, wage ich zu fragen. Schlage ihm Amsterdam als Ausstellungsort vor.
Unruhig und auch verletzlich wirkt Rafael, und dann doch wieder sehr selbstsicher in seinem instinkthaften Tatendrang zu malen oder zu skulptieren. Er winkt ab, auf meine letzte Frage zur Zukunft. Familie hat er hier in Luxemburg. Er wünscht sich, dass hier etwas passiert. Hoffe dass Rafael Springers neueste Christusbilder, seine modernen Madonnen… ein wenig schockieren, provozieren und somit die Enge der Szene sprenge, damit Weiterbewegung möglich wird.
In diesem Sinne ist es sicherlich gut, wenn er der „Schleifmillen“, der Alzette und ihren friedlich plätschernden Gewässern treu bleibt und nicht in die Ferne abwandert.
Wir wünschen dem junggebliebenen Painter, der auch ein Graffiti-Brusher oder Schriftsteller hätte werden können, viel Erfolg bei seinerSuche nach der gewünschten Auseinandersetzung mit seinem ungewöhnlichen Werk.
Pia Burggraff



